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Eine Buchautorin zum Anfassen

Doris Meißner-Johannknecht zu Gast in der Schule am Roten Berg

Haben Schriftsteller schon in der Schule gute Aufsätze geschrieben? Was verdient man, wenn man ein Buch geschrieben hat? Die Kinder- und Jugendbuchautorin Doris Meißner-Johannknecht hatte vor ihrer Lesung in der Schule am Roten Berg alle Hände voll zu tun, die Fragen ihrer wissbegierigen Zuhörer zu beantworten. "Ich war mehr eine Pippi Langstrumpf und wollte gar nicht gern in die Schule gehen." Völlig ehrlich antwortete die Autorin aus Dortmund auf eine eingangs gestellte Frage nach ihren guten Schulnoten. Sie habe in der Schule am liebsten das Fach Sport gemacht und in anderen Fächern so ihre Schwierigkeiten gehabt. Es war ihre offene und geduldige Art, die wohl die Schüler ansprach und für eine temporeiche Einführung zu ihrer Lesung sorgte. Die heute 61jährige Schriftstellerin aus Dortmund ließ ein dreiviertelstündiges Fragenstakkato über sich ergehen und blieb keine Antwort schuldig. So viel wie ihr am Lesen ihrer Bücher gelegen war, so viel bedeuteten ihr auch Kontakt und Austausch mit ihren Zuhörern (...)

Woher sie die Ideen für ihre inzwischen über 40 Bücher habe, fragte eine Schülerin. "Morgens putze ich mir erst die Zähne und danach meine Brille. Denn wer ein Buch schreiben will, der muss die Menschen beobachten", ließ sie wissen. Da helfe kein Fernseher und kein Computer, die Realität sei die einzig spannende Welt. (...)

...gingen die Kinder voll mit. Ihre Finger schnellten nach oben, einige konnten sich kaum auf den Stühlen halten, wieder andere lauschten mit weit geeöffnetem, was ihnen diese ungewöhnliche Erwachsene (...) denn zu sagen hatte....

aus: Melanie Pohle, Offen und ehrlich. WR 30.09.2009


Recherche- Foto zu "Eddy - Der Himmel in Dir" (Residenz- Verlag)

"Vor dem Gasthaus ´Zum Edi`steht eine alte BMW R 75. Auf dem Sattel sitzt ein Mann. Ein Mann, der sich gerade den runden Eierhelm absetzt. Dann die Brille, die aussieht, als wär sie fürs Tauchen gemacht. Aus seiner Lederjacke zieht er jetzt ein Päckchen und ein Feuerzeug. Er zündet eine Zigarette an."


Doris Meißner-Johannknecht – eine Frau mit Profil auch ohne Facebook


Interview vom 20. Mai 2011

Ein spannendes Gespräch mit Doris Meißner-Johannknecht.

Doris Meißner-Johannknecht an der BiTS.

I: Ist der Schriftstellerberuf eine Berufung für Sie?
M.-J.: Ich möchte gerne einen kleinen Streifzug durch meine Vita geben. Dann lässt sich besser verstehen, wie ich zu meinem heutigen Beruf gekommen bin.
Ich bin aufgewachsen im bürgerlich-katholischen Umfeld der Nachkriegszeit. Meine Kindheit war geprägt von einer christlich humanistischen Grundhaltung. Die Folge: Ich entwickelte schon sehr früh das St. Martin-Syndrom. Teilen. Das heißt, ich freue mich, wenn ich abgeben, weitergeben kann. Deshalb wünsche ich mir auch manchmal höhere Umsatzzahlen.
Literarisch geprägt haben mich meine ersten eigenen Leseerlebnisse. Mit neun Jahren las ich mein erstes Buch – Pippi Langstrumpf. Ich identifizierte mich sofort mit diesem Kinde, das nicht auf das Klischee des rosabekleideten Mädchens reduziert war. Ein enfant terrible. Ich wäre gerne gewesen wie sie. Was mir jedoch an Pippi missfiel, waren die unrealistischen Details, wie das Hochhieven eines dicken Pferdes ohne irgendeinen Schweißtropfen. Ich bevorzuge Bücher, die im Hier und Jetzt angesiedelt sind. Dass Bücher Wirkung haben können, erfuhr ich früh. Naiv las ich die Geschichten von Hanni und Nanni und äußerte daraufhin den Wunsch, mein Elternhaus gegen ein Internat eintauschen zu wollen. Die unüberwindlich hohen Klostermauern führten jedoch schnell zur Ernüchterung. Mein Lesefluss war weiterhin unstillbar und meine Schulleistungen dementsprechend schlecht. Der einzige Lichtblick war eine Eins in dem Fach Sport. Mein Berufswunsch war deshalb klar: Ich wollte Olympiasiegerin im 100m-Lauf werden. Aber leider fehlte mir das Geld für die richtigen Schuhe. Ich bin meistens barfuß unterwegs gewesen. Der zweite Berufswunsch stand in engem Zusammenhang mit meiner Sehnsucht nach Leben, Ferne und der großen weiten Welt. Ich äußerte den Wunsch, Stewardess werden zu wollen, aber mein Vater verordnete mir das Abitur.
Ich studierte an der Uni Bochum Germanistik, Publizistik, Psychologie und Pädagogik. Mich faszinierte das geschriebene und gesprochene Wort. Und mich interessierten Menschen. Glückliche Umstände schickten mich bereits im ersten Semester in Seminare, die Kinder- und Jugendliteratur zum Thema hatten. Und damit war mein Spezialgebiet bereits im ersten Semester gefunden. Nach dem Studium führte ich Seminare über Kinder- und Jugendmedien für Studenten durch. Ich etablierte mich als Literaturkritikerin in Fachzeitschriften. Als Brotberuf rutschte ich – eher unbeabsichtigt – in den Schuldienst. Ich unterrichtete an Gymnasien die Fächer Deutsch, Literatur und Erziehungswissenschaften. Seit 1975 schreibe ich eigene literarische Texte. Auslöser für die Entscheidung, beruflich nur auf das Schreiben zu setzen, war eine Kleinanzeige in der Frauenzeitschrift „Emma“. Die Herausgeberin suchte Frauen, die über ihre Internatserfahrungen schreiben wollten. Ich schrieb spontan eine Geschichte und bekam als Feedback: „Hör auf zu stricken! Schreib!“. Sowohl die Lektorin des Verlags Beltz & Gelberg als auch der Verleger selbst waren von meiner Begabung überzeugt. Nach drei zum Teil gescheiterten ersten Buchprojekten wurde mir immer klarer, dass mein Weg als Schriftstellerin steinig werden würde. Trotzdem beschloss ich im Jahr 1990 meinen sicheren, gutbezahlten Beruf als Studienrätin aufzugeben und versuchte eine kleine Nische auf dem Buchmarkt zu erobern.

I: Wie positionieren Sie sich auf dem Literaturmarkt? Gehen Sie mit dem Trend?
M.-J.: Die dargestellten Welten werden banaler, die Sprache ärmer, somit schrumpft die Welt in den Köpfen der Leser auf ein Minimum. Das Licht im Kopfkino verglimmt, der Vorhang fällt, in meinem Genre, der Kinder- und Jugendliteratur genauso wie in der Literatur für Erwachsene. Ich habe mich auf die Seite des Anspruchs gestellt. Mir war klar, dass ich immer Mühe haben würde, meine Verlage mit hohen Auflagen erfreuen zu können. Literatur war für mich ausnahmslos Konfrontation und Konflikt. Es war zudem ein Spiel produktiven Widerspruchs. Es war Herausforderung, Stachel gegen jeden Dogmatismus und Konformismus, es sollte Irritation sein, neue Sichtweisen eröffnen. Auch Mut für das Experimentelle. Den Willen zum Anderen. Das war mein Programm. Und eben nicht die Vermarktung von Klischees und Stereotypen. Keine literarischen Soaps. Keine pink-literature. Literatur darf nicht einfach vordergründige und geweckte Bedürfnisse bedienen, sondern sie muss Sand im Getriebe sein. So habe ich mir das vorgestellt. Auf dieser Grundlage ist dann auch die Konsequenz klar: Ich bin eher bereit, meinen neuen Beruf aufzugeben, als die Anpassung an die marktgängigen Trivialitäten zu leisten.
Inzwischen habe ich über vierzig Bücher veröffentlicht und zahlreiche Erzählungen. Ich bekam Preise und Auszeichnungen. Wurde bereits in 12 Sprachen übersetzt. Aber meine Auflagen sind gering. Mein Anspruch zu hoch. Verlagsprogramme haben sich geändert. Der Markt hat sich geändert. Das Leseverhalten hat sich geändert. Das Medienverhalten hat sich geändert. Die Zickenliteratur boomt, Biographien, Geschriebenes von Promis überschwemmen den Markt. Harry Potter schöpft die Kaufkraft ab. Leichthin geschriebene Fast-food-Literatur mit den eingängigen Themen über Fußball, Pferde, Horror, Fantasy verkauft sich. Ich bleibe mir treu. Ich sehe es wie Ludwig Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Meine Protagonisten sind oft die anderen, sie tauchen nicht im main-stream unter, sie stehen oft am Rand der stromlinienförmigen Gesellschaft, ich muss ihnen eine Hand reichen, damit sie nicht abstürzen. Ich möchte durchaus provozieren, um in Bewegung zu bringen und selbst in Bewegung zu bleiben. Über den Tellerrand schauen, Horizont erweitern. Denn wir wissen ja: Wissen ist Macht! Durch Literatur sollte jeder die Chance bekommen, die Welt, das Leben in all seinen Facetten kennen zu lernen.
Ein Literaturkritiker hat mich passend beschrieben, indem er sagte: „Sie ist literarisch anspruchsvoll, anders, sie hat eine Qualitätsmacke. Die Frau bürstet gegen den Strich ohne weh zu tun.“


I: Welche Trends können Sie in der Literatur ausmachen?
M.-J.: Momentan arbeitet die Literatur mit trivialer Sprache. Viele junge Frauen schreiben - repräsentativ. Für Qualität wird der Raum eng. Bei der so genannten Literatur scheint der Verfall einzusetzen. Ich sehe jedoch auch einen Gegentrend. Wir gehen wieder hin zu den „echten“ Problemen und Gefühlen. Wie geht es weiter mit den beschriebenen Welten in der Literatur? Es gibt immer noch die eine oder andere Vision. Kleine Verlage, die sich den Marktzwängen nicht unterwerfen mögen, wagen das Risiko, Besonderes noch zu produzieren. Freuen wir uns über die, die immer die Grenzen dieser Welt durch ihre Sprache weisen.


I: Was sind aus Ihrer Sicht weitere wichtige Schritte um den Umgang mit der Sprache in Deutschland zu verbessern?
M.-J.: Lesen, lesen, lesen; mindestens drei Tageszeitungen lese ich täglich. Es wichtig den Rhythmus der Sprache zu spüren und seinen eigenen Takt zu entwickeln. Das ist nur möglich durch einen bewussten und umfassenden Umgang mit Sprache. Schleichender Sprachverfall bedeutet unabdingbar schleichenden Weltverlust. Sprachliche Verarmung bringt menschliche Verarmung mit sich. Denn je nachdem, was und wie wir hören und sprechen, lesen und schreiben, richten wir uns mit unserer Sprache in eine nach außen hin engere oder weitere, nach innen hin eine größere oder feinere Welt ein. Durch bewusstes und präzises Sprechen schärfen wir unser Denken und umgekehrt. Durch präzises Denken schärfen wir unser Sprechen und Schreiben.


I: Gibt es Berufsgruppen, die Sie als auffällig in Bezug auf den Umgang mit Sprache herausstellen können?
M.-J.: Ja. Die Berufsgruppe der Manager. Manager verstecken sich häufig emotional.


I: Ist der gekonnte Umgang mit Sprache Übung oder Begabung?
M.-J.: Begabung muss vorhanden sein, jedoch ist Übung viel wert. Dies ist ein Grund für die Eröffnung meiner Schreibwerkstatt.


I: Eine Schreibwerkstatt. Was muss ich mir darunter vorstellen?
M.-J.: Meine Schreibwerkstatt - Castello3 - soll bisher noch nicht entdeckte individuelle Ressourcen öffnen, will Sprach- und Denkkompetenzen erweitern, Phantasie Raum geben, anregen, kritisch und sachlich über Werktexte zu diskutieren, und Texte aller Art produzieren. Ich möchte auf kontraproduktiven Leistungsdruck verzichten. Außerdem enthält die Schreibwerkstatt bibliotherapeutische Ansätze – jedes Gruppenmitglied bekommt die Unterstützung, die es wünscht. Mein Ziel ist die aktive und kreative Auseinandersetzung mit Sprache sowie die Stärkung der Persönlichkeit. Die schriftliche Formulierung eigener Gedanken führt zu einer reflektierten Selbstbetrachtung und hilft, mögliche Perspektiven für das zukünftige Leben zu erkennen. Das Ergebnis soll ein Glücksgefühl sein! Jeder sollte sich trauen, Gefühle zu äußern, so bekommen die Texte eine Echtheit und Lebendigkeit! Es gibt verdrängte Gefühle und Probleme, die durch die Konfrontation mit literarischen Parallelgeschichten gelöst werden können. Sei es durch die Lektüre eines Buchs oder das Verfassen eigener Texte in der Schreibwerkstatt.


I: Wie sieht Ihr Alltag heute aus? Wodurch ist das tägliche Leben geprägt?
M.-J.: Meine Arbeit besteht aus je einem Viertel Recherche, Schreiben, Management und Reisen für Lesungen. Zum Recherchieren und Schreiben fahre ich entweder an einen ruhigen Ort im Sauerland oder ich reise zu den Orten, in denen meine Geschichten stattfinden. Ich leiste viel Vorarbeit, bis ich ein Buch verfasse, und auch beim Schreiben nehme ich mir viel Zeit. Ich schreibe Seite für Seite, und jede Seite schreibe ich mindestens fünf Mal ab. Ich habe Hefte über Hefte, vollgeschrieben mit dem Inhalt einzelner Buchseiten. Momentan arbeite ich parallel an meinem Projekt Schreibwerkstatt.



 



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